

Eine Gewerbeschule muss eine offene Schule sein: offen für junge Menschen verschiedener Nationen und Kulturen, Sprachen, Rassen und sozialer Milieus. Offen auch für Jungen und Mädchen, deren private und schulische Biografien gebrochen, von „Normalität” weit entfernt sind.
Parallelen fallen auf: Gertrud Jane Luckners Kindheit war geprägt von frühem, niemals geklärten Verlassenwerden, vom Hin und Her zwischen Deutschland und England, von Krieg, Krankheiten und Schulversagen. Darin mag der tiefste Grund dafür liegen, dass sie als Erwachsene vorurteilslos und unerschrocken für andere Menschen eintrat — unabhängig von deren Nationalität oder Religion.
Sie war zutiefst überzeugt von der Würde jedes Menschen, auch wenn das Regime von „Untermenschen” und „unwertem Leben” sprach. Lehrer/-innen, die nicht in jedem Schüler, jeder Schülerin einen jungen Menschen sehen, dessen Würde unantastbar ist — auch wenn er oder sie kaum Deutsch sprechen, miserable Noten oder ruppige Umgangsformen haben — sind in einer Gewerbeschule fehl am Platz.
Das Material für ihre Dissertation bezog Gertrud Luckner nicht nur aus Büchern. Sie sammelte es auch als Sozialarbeiterin in englischen Slums. Die Vernichtungspolitik der Nazis lehnte sie nicht nur in Gedanken oder in Gesprächen mit Gleichgesinnten ab, sondern sie organisierte Lebensmittel, Geld, Ausweise, Fahrmöglichkeiten, Verstecke und Auslandskontakte für Juden und führte selbst Verfolgte über die grüne Grenze in die Schweiz. Selbst schon eine alte Dame, gründete sie in Nahariyya/Israel, ein Altenwohnheim für Überlebende des Nazi-Regimes. Bei all ihrer intellektuellen Brillanz war sie eine praktische Frau, tatkräftig, unermüdlich. Dem Primat der Praxis weiß sich auch die GLG verpflichtet: die Schüler/-innen durch learning by doing für Beruf und alltägliche Lebensbewältigung zu qualifizieren.
Dabei sollen alle Schüler/-innen soviel Förderung wie möglich erfahren. Defizite, z.B. die sprachlichen einer jungen Spätaussiedlerin oder die mehr sozialen als intellektuellen eines mehrfachen Schulabbrechers, werden erkannt und aufgefangen. Ungünstige Startbedingungen sollen ausgeglichen werden, um ein Höchstmaß an sozialer Gleichheit zu erreichen. Hier besteht eine große Nähe zum Engagement von Frau Luckner, das lebenslang Menschen auf der Schattenseite galt. Nur: heute ist ein Engagement für Benachteiligte weitgehend risikolos. Doch immer ist die Gefahr da, resigniert oder zynisch in Schüler/-innen nur noch „Schülermaterial” zu sehen. Oder als Auszubildende und Ausbilder/-innen Schule als Zeitverschwendung und politische wie soziale Bildung als „berufsfremd und überflüssig” anzusehen. Da ist ein Blick auf Dr. Luckners Leben motivierend.
Handeln statt Nichtstun, Einsatz für Gefährdete statt bequemes Wegschauen — ein zukunftsfähiges Leitbild.